Eine Novelle
1.
Warum?
Warum wollte sich Richard Recknagel töten?
Die Welt ist schön. Man kann fliegen. Die Welt ist schön. Man kann fliegen. Kann Frauen lieben. Kann gut essen. Bier trinken. Schnaps trinken. Man kann fliegen.
Und warum wollte sich Richard Recknagel auf diese schreckliche Art töten? Und warum überhaupt? Ist die Welt denn nicht schön? Ist sie denn, von oben betrachtet, manchmal nicht ganz und gar wunderbar? Sodass man nichts als jubeln möchte. Oder beten, Herr, ich preise deine Schöpfung.
Und warum sollte sein entsetzlicher Tod auch noch Zeichen sein, Signal? Für wen? Und wofür?
Man kann fliegen. Kann Frauen lieben. Wenn man es kann. Kann gut essen. Die Alkoholwärme spüren. Kann jemandem beim Plätzchenbacken zusehen. Dabei besten Rotwein trinken. Man kann sich erinnern an die Nähe einer Stimme. An die Ferne einer Stimme. Und wie es gerochen hat, dort, in den Fluren, auf den Gängen, von den hohen, hohen Treppen herab, von der Haupttreppe herab mit ihrem wuchtigen Geländer, dieser unvergessliche Duft, Mischung aus Heugeruch und Schmieröl; das Bohnerwachs, das Bohnerwachs. Und ja, man kann emporschweben über die Erde, wieder und wieder. Oder hineinbohren in die Erde kann man, die Energie auslösen kann man, sie freisetzen, sodass die Erde aufplatzt in großem Knall; das hast du gemacht, das hast du gemacht.
Und warum wollte sich Richard Recknagel auf so laute und spektakuläre Art töten? Man hörte die Detonation an diesem Morgen in weiten Teilen Friedrichsburgs und bis zum Neckar hinunter, eine Art, die dann einen grässlich zugerichteten Mann zurückließ, einen Mann, der gekleidet war, wie er immer gekleidet war: derbe Schuhe, Kniestrümpfe, Kniebundhosen, weißes Hemd mit aufgesetzten Taschen, grüner Militärblouson, das Hemd weiß, das weiße Hemd …; nur Sprengmeister wissen, wie man so etwas so macht. Warum nicht, bitte, mit Alkohol und Schlaftabletten? Zum Beispiel. Wie oft ist er nach einigen Feierabendbieren und Schnäpsen, Obstler, zumeist trank er zu seinem Weizenbier Obstler, aus dem “Casino”, wo er saß und saß, nach Hause gefahren. Bitte, Schlaftabletten drauf, sich ins Bett gelegt, in “meine zwei Quadratmeter Bett”, wie er einmal zu ihr gesagt hat, ins Bett gelegt und hinübergesegelt ins Schwarze. Oder Blaue. Blauthermikblaue. Oder ins Weiße. Hemdenweiße. Wolkenweiße. Oder eben ins Schwarze, schwarz wie sein Barett, das er immer trug und mit dem man ihn kannte auf den Plätzen, ein bunter Hund, ein bunter Hund mit schwarzem Barett und mit Pilotenbrille. Wer weiß das denn? Ob man dann ins Dunkle schwebt oder ins Helle? Wohin man dann schwebt. Oder sinkt. Oder stürzt.
Warum nicht, könnte man fragen, das Schleppseil der Husky A-1, mit der er die anderen so oft und gern und wahrlich gekonnt, und das heißt rasch und sicher, rasch und sicher, auf Höhe gebracht hat, das Schleppseil, solche vierzig Meter reichen doch für so was, in der Halle um einen der Dachbalken geworfen, Schlinge dran, sich einen der Eimer gegriffen, die immer vorne links beim Becken an der Wand hingen, von wo man sie abends, wenn alle wieder am Boden waren, wegholte, mit Wasser füllte, um draußen auf dem Platz mit Schwämmen und Fensterleder die weißenweißen Flächen, die weißenweißen Rumpfnasen zu waschen, zu reinigen, von den vom Fahrtwind hart aufs Weiß geschossenen Mücken und Fliegen, die Mücken und fetten Fliegen in den Kuhställen damals, und wie die Schwalben geschickt in die Ställe hineinflogen durch die offenen Oberlichter und über den braunen Fellrücken im Kettengeklirr sicher hinfanden zu ihren Nestern oben an der Wand im warmen Viehdunst auf solch einen umgedrehten Eimer gestiegen, Schleppseilschlinge um den Hals, den Eimer weggestoßen … Warum nicht so?
Zum Beispiel.
Und warum nicht, zum Beispiel, seine wunderbare alte rotweiße Slingsby T-21b, diesen kuriosen Oldtimer, mit dem früher die Royal Air Force geschult hat und in dem man im offenen Cockpit nebeneinander sitzt wie in einem Boot, einem hübschen rotweißen Wasserfahrzeug, das sich Buben gebaut haben und am Ufer eines Sees zu Wasser lassen, einmal, am See, der Sepp, ein ähnliches Boot aus einem alten hölzernen Waschzuber, seine Slingsby also in großer Höhe, und, um niemanden zu gefährden, über einem Waldstück, Schurwald drüben vielleicht, Schwäbischer Wald vielleicht, in einen Sturzflug gedrückt, der immer schneller werden würde, man sähe die Nadel des Fahrtmessers durch den grünen Bogen jagen, durch den gelben Bogen jagen und hin zum Rot, das nie, nie, unter keinen Umständen, überschritten werden darf, ein Sturzflug, der nicht mehr abgefangen werden sollte …
Der Tag, an dem sich Richard Recknagel töten wollte, war windig und kühl. Im Polizeiprotokoll würde man später sieben Grad notiert finden. Und man sah, es zeichnete sich mit zaghafter Wolkenbildung im Blassblau bereits um diese Tageszeit der Anflug eines bayerischen Himmels und somit später vermutlich fliegerisch ergiebiges Wetter ab, als er, der siebenundfünfzig Jahre alter Sprengmeister und Pilot, einige sagten, er sei ein nachgerade begnadeter Flieger, so etwas wie ein Aerophil durch und durch, jedenfalls eine ganz und gar außergewöhnliche Mischung aus Kopf- und Bauchflieger, gigantische Zahl von Flugstunden auf dem Konto und nie, nie einen Flugunfall gehabt, am Montagmorgen, 25. September, um sieben Minuten nach acht mit dem grasgrünen Siebeneinhalbtonner Mercedes-Lastwagen, den er seit diesem Vorfall anstatt seines Personenwagens benutzte, von der Kreisstraße dreizehnzwölf, die oberhalb von Fridrichsburg am Kamm des Neckartalhanges entlangführt, hinter den Sportplätzen rechts abbog und auf dem geteerten Zufahrtsweg am östlichem Rand des Fluggeländes Fuchswasen auf die sich unterm Windsack flach vor den Wald hinduckenden Gebäude des Friedrichsburger Fliegerclubs und des Restaurants “Casino” zusteuerte. Um sich zu töten.
Auf solcher Fahrt pfeifen?
Auf solcher Fahrt lächeln?
Recknagel war gekleidet, wie er stets gekleidet war, kaum jemand hatte ihn je in anderer Kluft gesehen, es war eine Aufmachung, die immer aus festen Halbschuhen oder Bergschuhen, aus Kniestrümpfen und Kniebundhosen, manche sagten fälschlich, er trage Knickerbockers, aus weißen oder khakifarbenen oder grünen Hemden mit allerlei Taschenzeug vorne drauf, aus Blouson, Strickjacke oder grünem Anorak und eben diesem schwarzen Barett bestand, einer flachen, baskenmützenartigen Kopfbedeckung, wie man sie in Frankreich sehen kann oder als Teil von Panzerfahreruniformen, von Uniformen militärischer Sondereinheiten oder Polizeispezialkräften auch; in seinem Falle, das Barett stets tief über das rechte Ohr heruntergezogen. Und Sonnenbrille. Wenn Sonne war. Wie am Morgen des 25. Septembers. Da war Sonne. Sonne, die man rasch höher steigen sah. Und Recknagel also mit Sonnenbrille, seinen von Fliegern so gern getragenen klassischen Ray-Ban sunglasses, Typ “The General”, mit dem Logo der Pilots Association drauf.
Lächeln auf der Fahrt zu einem Mord?
Pfeifen?
Während der ganzen Fahrt von der Stadt herauf hatte Recknagel geraucht. Jetzt machte er einen tiefen Zug, drückte die Zigarette im Aschenbecher des Wagens aus, Gauloises, man wusste, immer hatte er eine dieser blauen GauloisesSchachteln, die einen Helm mit seitlichen Flügeln zeigten, in Hemd- oder Hosentaschen. Er nahm Gas weg, fuhr nur noch Schritttempo.
Lächelte.
Pfiff.
Bayerischer Defiliermarsch. Pfiff Bayerischen Defiliermarsch. Und trommelte am Lenkrad Takt, und man hörte ihn ab und an mit reichlich Beigabe von Stimme Luft zwischen den Lippen hervorpressen als dumpfe Tubatöne, Töne, Trompetentöne, Blasmusiktöne, die man abends, wenn das Dorf zur Ruhe gekommen war und die Feuerwehrkapelle übte und der Bub noch ein wenig hinausdurfte in den Hof, “mach dich nicht schmutzig, mein Prinz”, sanft und rund und freundlich über die ziegelroten Dächer herschweben hörte vom Nebenzimmer des “Adlers”, Töne, Trompetentöne, die, heller, strahlender dann, durch den Spiegelsaal des Inselschlosses flitzten, Kapriolen drehten, während der Bub – jetzt war die Stimme da, war die Stimme da und sagte “Prinzchen”, sagte, “bist doch mein Vorzeigeprinz, mein Feiner” – herausgeputzt unter der Stimme saß bei den ersten Konzerten nach dem Krieg, dort, im Saal des Inselschlosses.
Während Recknagel langsam weiterfuhr, blickte er durch das Seitenfenster auf den hier auf einer kleinen Hochfläche liegenden Platz hinaus, von dem aus er in den vergangenen vierzig Jahren – mit siebzehn, halb auf ihr Drängen, halb aus Möwensehnsucht, begonnen und sofort gewusst, das ist seine Sache, seine Sache – unzählige Male aufgestiegen, auf den er unzählige Male niedergegangen war. In der Entfernung sah man rechts und links am Rande des Geländes die guten alten rotweißen Reiter die Halbierungslinie der Landebahn markieren, und einen Moment lang kamen sie ihm wie die Dächer zweier heimlich und still im Gras versunkener Dörfer vor.
Lächelte.
Pfiff auch.
Noch immer hielt Recknagel den grünen Lastwagen, auf dessen Türen man die gelbe Aufschrift “Fensterbau Müller” lesen konnte und auf dessen Ladefläche sich ein mit Schotter angefüllter Sack befand, in mäßigem Tempo, als er nun den Blick von der weiten Fläche des Platzes abwandte, diesem grünen Sprungtuch, in das sie sich, nach ihren spiraligen Wendeltreppengängen hinauf in die oberen Stockwerke des Luftgebäudes, wieder hineinfallen ließen. Recknagel schaute durch die Windschutzscheibe hinaus; man sah am Rande des Platzes zum Wald hin und überragt vom rotweißen Windsack, den an rotweißer Stange ein ruppiger Westwind beutelte, die niedrige Gebäudezeile des Friedrichsburger Fliegerclubs, FFC, liegen: Werkstatt; Halle mit dem großen runden Vereinsemblem, in dem man einen stilisierten Schulgleiter SG 38 aus der Entfernung wie ein Kreuz wirken sah; “Herr, ich preise deine Schöpfung”; an die Halle anschließend, der Büroteil mit dem Schulungsraum und in die Gebäudezeile integriert, die öffentliche Gaststätte “Casino” mit Terrasse und kleinem Spielplatz zur angrenzenden Parkfläche hin. Menschen sah man nicht. Das war Recknagel recht so. Er wollte sich töten. Wäre in diesen Minuten “Casino” Wirt Antonello Baldini aus der Tür seines Lokals getreten, Antonello Baldini, den Recknagel denn doch irgendwie zu seinen Freunden zählte, zumindest in den Stunden, in denen er, Recknagel, abends im “Casino” bei Weizenbier, Schnäpsen saß, Grappa verschmähte Recknagel, Antonello hielt Obstler für ihn vorrätig, Recknagel also vielleicht rief und mit seinem bayerischen Akzent manches “a” zu einem dunklen “o” umformend, manches “mir” zu “ma” und ein hartes “t” geriet ihm ohnehin immer zu einem gutturalweichem “d” … : “Hast du Muscheln, Antonello, mach mir bitte Muscheln, wenn du hast, ja bitte”. Worauf dieser Recknagel bei dessen Spitznamen nannte, er werde ihm, Ritschie-Bumbum, den größten Feinschmecker von Friedrichsburg und dem besten Flieger von Friedrichsburg, sofort die allerbesten Muscheln von Friedrichsburg machen; Antonello Baldini, Schwager von Pater Ansgar aus Kloster Maurach, mit dem Recknagel so viele Luftbildflüge für Ansgars berühmte Bildbände gemacht hatte, die Druckerei von Kloster Maurach hatte erstklassigen Ruf, und dabei manches Mal angesichts der unten liegenden Weltherrlichkeiten ins Jubeln geraten war; “Ansgar, ich bin katholischer Lutheraner, ich preise die Kräfte der Luft, ich preise die Schönheit der Schöpfung”, worauf Ansgar im Bordfunk der Husky dann schrie, was das denn sei, ein katholischer Lutheraner, ein Dynamitfresser sei er, der Gottes Schöpfung malträtiere, worauf sie jedes Mal lachten und lauthals “Meerstern, ich dich grüße …, oh, Maria hilf …” in die Bordmikros sangen, unterbrochen nur von Ansgars Anweisungen, wie er, Recknagel, dieses oder jenes Kloster, diese oder jene Kirche zu überfliegen habe, damit sie interessant vor Ansgars Kamera komme … ; wäre Antonello Baldini in diesen Augenblicken in der Tür des “Casinos” erschienen, vielleicht, weil er ausnahmsweise zu dieser frühen Tageszeit bereits da war, Montag hatte er Ruhetag, um den Elektriker für den wieder einmal defekten Pizzaofen zu erwarten, bitte, das darf man fragen, hätten dann die Ereignisse nicht doch einen anderen Verlauf genommen? Nachdem Recknagel den Lastwagen auf dem Parkplatz neben dem Restaurant “Casino” zum Stillstand gebracht, den Motor abgeschaltet, die Handbremse gezogen hatte, vorschriftsmäßig zog er die Handbremse an, den Zündschlüssel ließ er stecken, blieben ihm Pfeiftöne, trompetenartige Luftrülpser weg. Kein Lächeln. Alles geht schnell.
Sieben Tage lang hat er nachgedacht, vorbereitet, nachgedacht, vorbereitet. In der Wohnung. In die er während dieser Zeit niemanden hereinlässt, in der er, der siebenundfünfzig Jahre alte Junggeselle, seit einundzwanzig Jahren alleine lebt.
Prüfender Blick durch die Autofenster. Niemand. Griff in die Brusttasche des moosgrünen Blousons; Kuli, ein blaues Mäppchen mit Schecks, eine Packung Gauloises, das Kuvert. In dem Kuvert ein Foto und ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Recknagel zieht das Kuvert heraus, entnimmt ihm das Foto, Schwarzweißfoto mit gewelltem Rand, man erkennt ein Kind, eine Frau mit Bubikopf, einen Hund. Er führt das Foto an den Mund, berührt es mit den Lippen, steckt es in die Brusttasche, nimmt das Blatt Papier aus dem Kuvert, verwahrt das leere Kuvert in der Seitentasche der Autotür. Man merkt, Bewegungen eines Mannes, der lange risikobehaftete Tätigkeiten ausgeübt hat; ruhig, flüssig. Das Blatt faltet er auf. Es ist kariert. Oben, Recknagels Name, sein Geburtsdatum, 19. Mai 1940. Darunter seine Friedrichsburger Adresse.
Dann: “An die Polizei, die mich nach meinem Tod findet”. Darunter sieben Textblöcke, sauber durchnummeriert, in akkuraten, genau Linie haltenden Blockbuchstaben. Nein, er liest den gesamten Text nicht nochmals. Wie oft hat er ihn gelesen? Er liest nur die ersten Worte von Textblock sieben: “Nachdem Lämmle und Kratz mein Leben einschließlich individueller Freiheit …”. Er bricht ab. Er wirft einen Blick auf seine Unterschrift, mächtige Schwünge, scharfe Zacken.
Alles gesagt? Alles gedacht? Alles geschrieben? Wer weiß das denn, wann je alles gesagt, gedacht geschrieben wäre, wenn man sich töten will?
Die Welt ist schön. Man kann fliegen. Die Welt ist herrlich. Man kann fliegen. Kann mit Frauen schlafen. Gut speisen. Kann eine Frau in der Küche beim Plätzchenausstechen beobachten, dabei Friedrichsburger Sonnenhalde trinken. Man kann im Kopf die Stimme erklingen lassen, die Stimme verstummen lassen. An das Schaukeln im Bauch eines mächtigen Brummens kann man sich erinnern. Und Weizenbier und Obstler und Alkoholwärme. Schweben kann man, hinaufschweben wieder und wieder. Auf heißer, leidenschaftlicher Luft. Hinter bravem, zuverlässigem Propeller. Schön, ist die Welt denn nicht schön? “Herr, deine Schöpfung preise ich.” Recknagel wollte sich töten.